Das Märchen vom Rost

als f. aufwachte & rost an seinem bett fand
hielt er den kritischen zeitpunkt für gekommen

er unterließ den versuch
den rost mit feinem sandpapier und öl zu entfernen
und stand auf
drei volle jahre hatte er nun alleine gelebt
und nie hatte sich rost an seinem bett gezeigt
und jetzt im vierten jahr waren große rostflecken
(die er zuerst garnicht bemerkt hatte)
auf seinem bett gewachsen
(und das war ein bedenklicher zustand)

also ging f. in der nächsten nacht dorthin
wo er eine frau für geld bekommen konnte
und er fand eine, die mit ihm ging
und eine nacht in seinem bett verbrachte

als sie des morgens wieder gegangen war
(und er war froh darum)
schaute er sofort nach
ob der rost von seinem bett gewichen war
aber nichts dergleichen konnte er feststellen
was zuerst nur das gestell aus stahlrohr betroffen hatte
war weiter gewandert
und es fanden sich große rostflecken
in tiefem braun
auf seinem bettuch & seiner bettdecke
er war sehr erstaunt und zugleich verärgert darüber
daß er soviel geld ausgegeben hatte
ohne daß der rost verschwunden war

er wartete einen weiteren tag
und fand in der folgenden nacht
an einem jener plätze in der unterstadt
eine frau, die ihm gewogen war
und ohne geld zu verlangen
mit ihm nach hause ging
und sein bett bis zum morgen bewohnte
nach einem kurzen frühstück
war auch sie verschwunden

kaum, daß sie gegangen war
eilte f. zu seinem bett
um nach den rostflecken zu sehen
es hatte sich nichts verändert
die roststellen waren unvermindert
groß & tiefbraun
es erschien ihm lediglich
daß sie nicht weiter gewachsen waren
sondern die größe vom vortag hatten

also ging f. des nächsten abends
wieder an den ort
wo er frauen kennenlernen konnte
die gewillt waren
nacht & bett mit ihm zu teilen
und fand auch schließlich wieder
eine bewohnerin für sein nachthotel
und des morgens schaute er nach den rostflecken
und fand sie unverändert

aber in der nächsten nacht blieb er allein
weil er nicht willens war
das spiel in einem akt zu wiederholen
allein seine morgendliche besichtigung des rostes ergab
daß die flecken am bettgestell weiter gewachsen waren
und das bettuch
schon ganz rostrot
an einer ecke zu zerbröckeln begann
auf seiner decke besetzte der rost nun
bereits mehr als die hälfte der fläche
er fraß sich langsam von der fußseite
zum kopfende
(und das bereitete ihm angst)

um die flut des rostfraßes zu bannen
blieb also nichts weiter übrig
als des abends wider dorthin zu gehen
wo man ihm willig nach hause begleitete
um eine nacht bei ihm zu verweilen

so lebte er fast ein jahr
die flecken behielten ihre größe
die kanten des tuchs halb zerfressen
die decke halb rotbraun

doch dann, irgendwann eines nachts
wollte er den rost nicht weiter
mit willigen frauen
zu denen er keine beziehung fand
bannen
und er beschloß
den rostfraß zu ertragen
und alleine zu bleiben
er hatte angst dabei
aber er wollte sich dieser angst stellen
und sie bewußt leben
also blieben seine nächte seine eigenen
und der frost fraß sich weiter
so wie er es erwartet hatte
die bettdecke hinauf bis zu seinem kopf

das bettuch begann jetzt
auch an stellen in der mitte zu bröckeln
und bald schon lag er auf der nackten matratze
es dauerte keine zwei wochen
und die farbe der bettdecke
hatte sich in ein sattes dunkelbraun verwandelt
die ganze fläche ein meer von rost
in dem er nachts badete

das bettuch war inzwischen vollständig
in kleine häufchen rostiger krümel
zerfallen

unter diesen umständen fing f. an
sein bett zu meiden
er schlief forthin auf dem harten steinboden
seines ebenerdigen zimmers
und beobachtete das bett
wie es sich langsam auflöste

das stahlrohrgestell
vom rost bis in die letzten streben befallen
brach eines nachts in sich zusammen

er besah sich das ereignis am morgen danach
als es hell wurde
zwar nicht ohne sorge
aber da er ja nicht mehr in dem bett geschlafen hatte
besaß er schon eine gewisse distanz zum rostfraß
und so wurde es ihm leichter
das geschehene zu verarbeiten

f. fand sich damit ab
daß er sein bett verloren hatte
und schlief in der folgenden zeit
auf dem steinigen boden
mied die orte mit willigen frauen
und blieb weiterhin allein

nichtdestotrotz
nahm er seine erlebnisse als anstoß
sein zimmer öfter zu verlassen
als er es bisher getan hatte
und die wenigen stellen der stadt
aufzusuchen
wo man neue leute kennenlernen kann
und da er sein alleinsein nicht mehr als last empfand
war es ihm um einiges leichter
zu anderen menschen zu finden

so ist es dann eines tages geschehen
(und das ist das ende der geschichte)
daß f. jemand traf
der ihn sehr stark anzog
und das muß gegenseitig gewesen sein
denn die beiden haben sich kennengelernt
(und das ist ganz langsam vor sich gegangen)
sie sind sich sehr nahe gekommen
und irgendwann später sind die beiden
dann in sein zimmer gegangen
und haben zusammen auf dem steinboden
und miteinander geschlafen
und es muß eine sehr schöne & ereignisreiche nacht
gewesen sein
denn als sie beide am morgen aufwachten
fanden sie sich in einem großen & weichen bett wieder
welches wie eine farbenfrohe & blumenreiche wiese war
und viel schöner & gemütlicher als jenes von f.
das der rost zerfressen hat.

ms – 20.6.1977