Das Märchen vom zu engen Raum

ich will jetzt von f. erzählen
der unter dem wahn stand
die decke seines zimmers stürze auf ihn ein

angefangen hat die geschichte in einem nagelneuen zimmer
in einem neubau im villenviertel am stadtrand
wo f. anfangs zufrieden sein zehnquadratmeterzimmer
mit zwei meter dreißig deckenhöhe bewohnte.

f. war einer von tausenden
wenn er morgens in das büro ging
um berge von akten umzuordnen
kaffee zu kochen
und die vielen lächelnden gesichter zu ertragen.
er arbeitete von morgens um acht bis abends um fünf
um sein zehnquadratmeterleben zu ermöglichen
und abend kam er nach hause
zurück zu whisky und fernsehen
und am folgenden morgen stand er wieder auf
und gin wieder in das büro.

so lebte f. lange jahre
ohne daß etwas nennenswertes geschehen wäre
ohne daß sich etwas verändert hätte
an büro, whisky & einsamkeit.
und er war es zufrieden so.

doch eines tages und ganz plötzlich
geschah das unvorhersehbare:
die zwei meter dreißig hohe decke begann auf f. einzustürzen
und das konnte er nicht ertragen.
er begann, abends mehr whisky zu trinken
aber das half ihm auch nicht.
die decke zeigte bedrohliche risse
und es schien fast
als wandere sie langsam auf ihn zu.
allein der gedanke raubte ihm den schlaf
und schweißgebadet, nach durchwachter nacht
wurde ihm der tag im büro schwer.
er arbeitete weniger, was ihm eine scharfe rüge einbrachte
und trank noch mehr whisky
konnte aber trotzdem keine ruhe finden.
sein zustand verschlechterte sich von tag zu tag
und so beschloß f. endlich
auszuziehen.

er verließ das zehnquadratmeterzimmer
mit den rissen an der decke
und zog in eine große altbauwohnung
von achtzig quadratmeter um
in der die zimmer vier meter hoch waren.
er stützte die decke mit zwölf balken ab
damit sie nicht auf ihn falle
und zwischen die balken nagelte er bretter
auf die der dann den whisky & den fernseher stellte.
aufgrund dieser maßnahmen konnte f. wieder
ein wenig schlafen.
er verspürte zwar jeden morgen beim aufstehen
eine gewisse übelkeit
aber das wollte er nicht tragisch nehmen.

so wohnte f. ungefähr ein jahr in der
achtzigquadratmeteraltbauwohnung.
er war nicht ganz zufrieden mit fernsehen & whisky in jener zeit
aber man kann doch sagen
daß sein gemüt einigermaßen im lot war.
morgens im büro machter er oftmals
einen schläfrigen eindruck
und er musste sich auch ein wenig zur arbeit zwingen
aber das ist anscheinend nicht weiter aufgefallen.

trotz alledem hat ihn ein ereignis
in einer heißen sommernacht des folgenden jahres
ganz plötzlich aus der bahn geworfen:
er wachte in jener vollmondnacht schweißgebadet auf
einen stechenden schmerz im kopf
und stellte zu seinem blanken entsetzen fest
daß die decke seines schlafzimmers
lediglich noch knapp einen meter über seinem kopf war.
er hätte sie schon fast berühren können.
in panischer angst wälzte er sich aus dem bett
so schnell er vermochte
und kroch unter größter anstrengung
am boden entlang aus dem zimmer
erreichte mit mühe die wohnungstür
sprang dort mit letzter kraft auf
lief die treppe hinunter
und hinaus auf die straße.
er lief noch weiter, als verfolge man ihn
f. im langen nachthemd
schweßgebadet & auf der straße.
er rannte durch die ganze stadt
bis er auf einen große wiese weit draußen gelangte
wo ihn nur noch der sternenhimmel
einer klaren sommernacht umgab.

und dann ist dort seltsames geschehen:
f. hielt ein
wurde auf einmal ganz ruhig
der schweiß begann von seiner stirn zu weichen
und langsam, ganz langsam
begann er sich sehr wohl zu fühlen.
er legte sich auf die wiese
schaute zu den sternen hinauf
und atmete bedächtig die warme nachtluft ein.
es war ganz ruhig
nur das rauschen des windes im gras
und das zirpen der grillen
brachten bewegung in die stille.
der mond schien auf ihn
und er bewegte sich nicht
und lag auf der sommerwiese
die ganze sternennacht lang
und er lag noch dort, als es hell wurde
und ein neuer sommertag begann.

hier ist eigentlich die geschichte zu ende
von f., der unter dem wahn stand
die decke seines zimmers stürze auf ihn ein
denn er ward seit jenem tage nicht mehr gesehen.

seine wohnung wurde leer vorgefunden
die türen offen
die balken, whisky & fernseher in alter ordnung
so als hätte er die wohnung des morgens verlassen
und einfach nur vergessen
die türe zu schließen.
man wartete bis zum abend
und verschloß, da er nicht kam
die türen seiner wohnung
ließ alles, wie es war
und wartete einen monat.
weil f. bis dahin aber nicht zurückgekehrt war
öffnete man die tür wieder
schlug die zwölf balken ab
nahm den whisky, trank ihn
nahm den fernseher und verkaufte ihn
und vermietete die wohnung weiter.

damit hätte die geschichte nun aber wirklich ihr ende gefunden
gäbe es nicht einige merkwürdige ereignisse
von denen ich vor einiger zeit durch zufall erfahren habe
und die möglicherweise eine verbindung
zu unserer geschichte haben:

in den letzten jahren wurde an verschiedenen orten
eine person gesehen
die durch den wald gezogen ist
und sich offensichtlich von beeren & pilzen ernährt hat.
jedenfalls hat dieser mensch einen kittel getragen
der dem nachthemd des f. sehr ähnlich sah.
und wenn es wahr ist, was die alte frau mir erzählt hat
muß er jedem, der ihm zuhörte
eine ganz eigenartige geschichte von zu engen räumen
erzählt haben.
er habe nichts weiter besessen als den unendlichen himmel
und grüne wiesen im sommer
und eine decke aus schnee im winter
die ihn warm gehalten habe.
sie sagte, er sei zufrieden gewesen damit
und es habe ihm nichts gemangelt.
und daß sie nie vorher einen ruhigeren
und ausgeglicheneren menschen gesehen habe.

so kannst auch du
(und du mußt dafür nur vor dein haus gehen)
einen glücklichen menschen kennenlernen
denn wenn f. nicht gestorben ist
kannst du ihm heute noch begegenen.

ms – 5.11.1976