das märchen vom findling

weit in der ferne, dort wo auch ein wanderer nur selten hingelangt, kann man noch die ruinen eines alten & verlassenen gebäudes finden. und in stürmischen & verregneten herbstnächten wird der einsame, den der zufall hierhin verirren ließ und der schutz zwischen den verfallenen mauern sucht, eine erscheinung wahrnehmen, die er nicht so leicht verstehen oder vergessen kann.

in einem dorf in dieser gegend lebt ein alter mann, der nicht mehr des schreibens mächtig ist und nur manchmal noch eine wundersame geschichte erzählt, die die erwachsenen als eine verspätete phantasie abtun und der die kinder gebannt lauschen.

ich habe ihn kennengelernt, als die kerzen schon fast niedergebrannt waren und die kinder im dorf schon fast erwachsen. und soviel ich weiß, ist der alte mann in letzter zeit sehr schweigsam geworden und seine geschichte ein wenig kürzer:

„es war einmal ein kloster weit hinter den bergen und es war sehr still & einsam dort. die menschen in dem kloster lebten abgeschieden und unabhängig von der anderen welt und hatten alles, was sie zum leben brauchten. die gärten im innern waren üppig, der bewuchs reichlich und die menschen friedfertig. sie hatten nahrung zur genüge von den bäumen & beeten und die wärme der erde und der sonne.

jeder der bewohner hatte seinen platz im kloster, aber auch seinen eigenen raum, und die felder waren fruchtbar und die früchte mannigfaltig.

die menschen im kloster lebten ihr leben zufrieden und still und genügten sich selbst.

trotzdem gab es an der pforte eine drehlade, aber soviel ich weiß, kam es nur ein einziges mal vor, daß sie sich bewegte.

dies geschah in einer regenreichen und kalten novembernacht und eine bewohnerin hat es sofort gehört. ihr zimmer lag so, daß sie den steinpfad, der zum tor führte, gut überblicken konnte, denn es war kein langer weg. aber obwohl sie gleich zum fenster eilte, konnte sie nichts und niemanden erkennen.

sie wartete, bis der regen ein wenig nachließ und ging dann hinunter, zog ihren warmen mantel an und öffnete die schwere eisentür. sie lief auf den nassen steinen entlang bis zum tor und es fiel ihr auf, daß bis auf das geräusch des regens kein laut zu vernehmen war.

und ihr erstaunen wurde noch größer, als sie in der drehlade nicht das vorfand, was sie vermutet hatte.

vor ihren augen lag eine große & dunkelrote blume, deren kelch wie ein feiner krug aussah und ein schwaches, aber gut zu erkennendes rötliches licht ausstrahlte. die schwere blüte mündete in einem feinen, langen stiel, der an seinem ende kleine & dünne wurzeln trug.

sie war sehr verwundert über die entdeckung in der drehlade und getraute sich anfangs nicht, die blume anzufassen, weil sie angst hatte, diese zu zerstören. außerdem war sie sehr verwirrt und fühlte sich hilflos, weil sie ein gebilde dieser art noch nie zuvor gesehen hatte. so verweilte sie eine längere zeit im regen und tat nichts weiter, als in das sanfte rötliche licht der blume zu schauen.

erst viel später, wie aus einem langen traum erwacht, fiel ihr auf, daß sie gar nicht wußte, wer die pflanze in die drehlade gelegt haben könnte & warum. sie dachte aber nicht weiter darüber nach und faßte sich endlich ein herz, nahm die blume behutsam & sorgfältig aus der lade und trug sie auf ihren händen ins haus. der blütenkelch fühlte sich wie seide an und ruhte weich wie eine feder in ihrer hand.

sie legte die pflanze vorsichtig auf den kleinen hölzernen tisch in ihrem zimmer und ging dann noch einmal hinunter, um sich aus der töpferei eine schale und von draußen ein wenig erde zu holen. sie war sich unsicher, ob sich die blume überhaupt einpflanzen ließ, aber sie wollte es versuchen. so gab sie etwas erde in die tonschale und setzte die pflanze vorsichtig hinein, so daß die wurzeln nicht beschädigt wurden. und was sie kaum zu hoffen gewagt hatte geschah: der dünne stiel trug die dunkelrote & schwere blüte und der kelch behielt seine ursprüngliche form. sie bemerkte, daß sie die ganze zeit in das irisierende licht, das die blüte ausstrahlte, geschaut hatte und daß sie bei ihrer arbeit ganz ruhig geworden war.

so war sie sehr froh, daß es nichts anderes war, das sie in der drehlade fand, und sie stellte die schale mit der unbekannten blume auf den tisch neben das fenster, zog sich aus, löschte das licht und ging zu bett. es war ganz still und dunkel in dem kloster und das einzige, was sie wahrnahm, war der rötliche schimmer der fremden blume in ihrem zimmer. und wie stark sie es auch versuchte, sie konnte sich nicht abwenden. das schwache licht zog sie unweigerlich in seinen bann. so konnte sie auch nicht einschlafen, aber sie verspürte auch kein bedürfnis danach, es war ihr nur wichtig, den rötlichen lichtstrahl nicht zu verlieren.

sie lag wach bis zum nächsten morgen, bis sie aufstand, um mit den anderen an die gemeinsame arbeit zu gehen, aber sie fühlte sich nicht müde und war guter dinge. den fund der wundersamen pflanze behielt sie für sich und am mittag goß sie diese, bis die erde mit wasser getränkt war. dann stellte sie sie noch etwas näher an das fenster, damit sie möglichst viel licht bekam.

am späten abend, nachdem sie ins bett gegangen war und noch ein wenig gelesen hatte, konnte sie wieder den schwachen & irisierenden schimmer erkennen. sofort, nachdem sie das licht gelöscht hatte, war er da. und wiederum konnte sie nicht schlafen, sondern mußte die ganze zeit in den leicht funkelnden schein, der sie nicht losließ, schauen. und wiederum war sie am morgen nicht müde, sondern fühlte sich ausgeruht & glücklich.

sie ging ihrer täglichen arbeit nach und kam erst wieder in ihr zimmer, als es schon dunkel war. sofort, als sie eintrat, bemerkte sie, daß sich etwas verändert hatte. sie wußte nicht gleich, was, aber sie hatte ein unbestimmtes & ungutes gefühl. im licht einer kerze sah sie es dann. der große & dunkelrote kelch der blume war in sich zusammengefallen und der lange stengel zu schwach geworden, um die blüte zu tragen. sie war sehr erschrocken im ersten moment und nach einer weile sehr traurig, denn sie wußte nicht, was sie tun konnte. sie versuchte, der fremden blume wasser zu geben, aber diese nahm es nicht an. sie löschte die kerze, um nach dem rötlichen licht zu sehen, aber es war nur dunkelheit um sie herum und das licht verflogen.

sie saß eine lange zeit vor der verwelkenden pflanze und fühlte sich sehr müde und konnte die tränen kaum verbergen. sie dachte lange nach, was zu tun sei, wußte aber keinen rat und so kam ihr einzig und allein der gedanke, daß ihr die fremde blume wohl nicht länger zugedacht sei. sie wollte diese aber auch nicht ganz verlieren und vor allem, bevor sie völlig verwelkt war, noch den anderen im kloster zeigen. so lief sie mitten in der nacht hinunter in die haupthalle des klosters, wo sich alle des morgens trafen und stellte die vergehende blume auf den großen & gemeinsamen tisch. dann ging sie zurück in ihr zimmer, schloß sich ein, und fiel todmüde ins bett. ihr schlaf war unruhig und unterbrochen durch das rütteln des windes am fenster in einer stürmischen novembernacht.

sie wollte am morgen zuerst nicht hinunter gehen, weil sie angst davor hatte, die sterbende blume wiederzusehen. aber später schöpfte sie etwas mut und sie traute ihren augen kaum, als sie in die hauptahlle des klosters kam.

die fremde blume stand in alter pracht erblüht auf dem tisch und die bewohner des klosters hatten einen kreis um sie herum gebildet. die herbstsonne schien auf die blüte, die nun purpurrot glänzte und wieder ganz fein und samten aussah. auch der stengel war wieder fest und trug den kelch mit leichtigkeit. sie war sehr glücklich darüber und traute sich nun auch, die geschichte der blume zu erzählen. die bewohner des klosters waren sehr still, nachdem sie diese gehört hatten und alle warteten sehnsüchtig auf die nacht, um das rötliche licht zu sehen.

die dunkelheit kam und sobald die sonne hinter dem horizont verschwunden war, konnten alle den irisierenden schimmer in der blüte erkennen. aus der nacht wurde ein fest und alle waren sehr glücklich über das, was sie sahen. sie feierten bis zum morgen und wurden nicht müde dabei und die arbeit lief am nächsten tag gut von der hand.

auch in der folgenden nacht verbreitete die blume ihr feines licht und bewirkte, daß die bewohner des klosters bis zum morgen wach blieben. sie redeten und tanzten und wurden nicht müde.

so wollte auch niemand ernsthaft daran glauben, daß die pflanze schon in der nächsten nacht wieder welken würde und doch tat sie es. enttäuscht, sprachlos & ratlos saßen sie dann alle am großen tisch und schwiegen. die blume war in sich zusammengefallen und die farbe des kelches nun schon fast schwarz. da niemand einen gedanken hatte, was man tun könne, stand die bewohnerin, die das gebilde in der drehlade gefunden hatte, auf und nahm die schale mit der pflanze mit sich. sie grub die verwelkende blume, deren kelch sich immer noch wie samt anfühlte, wieder aus der erde aus und nahm sie vorsichtig in eine hand. dabei bemerkte sie, daß die wurzeln der pflanze ein ganzes stück gewachsen waren, aber nun fast gläsern aussahen.

sie ging hinaus in die nacht, den steinpfad hinunter bis zur drehlade an der pforte. dort legte sie die fremde & vergehende blume behutsam in die lade, ohne irgendetwas an ihr zu verletzen. und bevor sie sich schweren herzens abwandte, betrachtete sie die blume noch einmal lange und eingehend. die nacht war sternenklar und so konnte sie alle einzelheiten sehen. den großen & schwarzen kelch, den schmalen & langen stiel, die feinen & verästelten wurzeln.

traurig & langsam ging sie den weg zum kloster zurück und da sie niemanden mehr in der halle vorfand, eilte sie auf ihr zimmer und schloß sich ein. sie schlief unruhig in dieser nacht, wälzte sich von einer seite auf die andere und grübelte über das geschehene nach. aber soviel sie auch nachdachte, sie fand keine antwort. am nächsten tag war sie unausgeschlafen und fühlte sich schwach & unwohl.

trotzdem stand sie auf und es trieb sie sofort hinaus zur drehlade, um nachzusehen, was mit der blume geschehen sei. so lief sie hastig den weg hinab bis zum tor und ein kurzer blick in die drehlade zeigte ihr, daß diese leer war, so wie sie es erwartet hatte.

da sie aber viele stimmen außerhalb der klostermauern hörte, öffnete sie die pforte, ging hinaus und sah zu ihrem erstaunen ...“

ms – 1977