das märchen vom doppelspiel

ich habe es getan
f.

ich habe es an jenem morgen draußen am meer
zum ersten mal getan

& ich muß es immer wieder tun
nur ein paar schritte von deinem haus entfernt
unten am strand
immer dann, wenn das wasser zur see hin flieht
und einen nassen schleier hinterläßt

es ist sehr ruhig an einem frühen morgen
draußen am strand
nur das spiel der brandung & der schrei der möven
durchbrechen die stille

ich habe etwas gefunden dort
das mich in seinen bann zieht
& wovon ich dir nicht erzählen kann

eine große & weiße & leere muschel
besitzt eine kleine öffnung in ihrer wölbung
nur einen spalt
ich halte sie in der einen hand
gegen das licht der aufgehenden sonne
gerade so
daß der äußerste & höchste strahl der morgensonne
in mein auge dringt
er bricht sich am kleinen spalt
& fliegt auseinander
zerstäubt in tausend farben
& bewegt sich in allen schattierungen
bis er als eine riesige welle von gesichtern
auf mich zurückgeschwommen kommt

ich habe es getan
f.
in jedes gesicht bin ich gekrochen
in ihren zügen bin ich zerflossen
& in ihren augen sah ich den weg
zu den unbewohnten gebieten
in einem fremden land

ich kann nicht von dem reigen lassen
will zurück in den sonnenbogen fallen
will mich mit ihm drehen
will alle gesichter sehen

ich stehe des morgens
eine lange zeit am strand
& in der fliehenden flut
ich stehe dort
bis der sand unter meinen füssen trocken geworden ist
& die sonne zu hoch steigt
um mir die gesichter noch offenbaren zu können

dann verlasse ich den geheimen ort
meines muschelspiels
und gehe die wenigen schritte nur zu deinem haus
aus sand & stein gebaut & hell im innern

du wartest auf mich
siehst mich kommen
dann, wenn die wärme der sonne am größten ist

du, der du nicht weißt
daß deines das einzige gesicht ist
welches ein körperliches leben nahm

ich gehe auf dich zu
umarme dich
& du erwiderst meinen gruß
wortlos
ich gehe durch die schmale tür in dein kleines zimmer
& wenn ich mich umdrehe
sehe ich dich im türbogen in der sonne stehen
immer in deiner knappen sommerhose
weiß & hell wie der raum, in dem du wohnst
nie ein fleck an ihr zu sehen
nur jene feine spuren des magischen dreiecks
die kleine & dunkle stelle im sonnenlicht

dort bist du
deine langen roten haare im sommerwind
deine schönen brüste nur mit einem knappen hemd bedeckt
der leichte salzgeruch auf deiner haut
& hier ist die mittagsstunde
in der wir zusammen sind

ich sehe die bräune auf deinem gesicht & bauch
gewachsen auf sonne, wind & see
in sanft sich wiegenden gräsern
dein vollkommener körper das einzige
zu fleisch & blut gewordene gesicht
in meinem leben
die vereinzelte & seltene blume in einem großen garten

dein bett ist groß
& wir sind sehr zärtlich zueinander
obwohl wir keine worte haben
irgendetwas zu sagen
aber auch keinen gedanken
irgendetwas zu verbergen
du bist offen, ganz offen
in meinen armen
nur das geheimnis des muschelspiels ist zwischen uns

die zeit vergeht schnell, fast zu schnell
nur die mittagsstunde
& unsere körper in einem hellen zimmer

II

Ich muß dich verlassen
f.
denn ich habe es getan
& ich bereue es nicht

ich beginne in jener vollmondnacht
ein paar augenblicke, bevor die flut kommt
das wasser ist bis zur hälfte aufs land vorgedrungen
& ich habe noch genügend zeit

so sammele ich die kleinen steine
die die ebbe am strand zurückließ
und baue zwei wälle
beide laufen aufeinander zu
& bilden eine pfeilspitze
in richtung der stetig wachsenden see

ich bin allein
in der stille der nacht
im licht des bleichen mondes
ein paar meter vom wasser entfernt

ich habe eine idee & ich gehe ihr nach

ohne hast schichte ich die beiden wälle auf
verstärke sie mit nassem sand
& nur dort, wo das meer sie zuerst erreichen wird
lasse ich einen kleinen spalt
so daß die beiden wälle sich gerade nicht
berühren

dann kniee ich nieder
in der breiten öffnung der wälle
zum meer gewandt
& warte auf die kommende flut

wenn das wasser den wall dann erreicht
& im kleinen spalt sich bricht
& zu gischt zerspringt
tauchen im fahlen mondlicht die ersten bilder auf
sie quirlen aus dem wasserbruch
& treiben auf dem steinfloß
auf mich zu

ich wende mich nicht ab
lasse es geschehen
je stärker sich das wasser am wall bricht
desto intensiver werden die bilder
im schaumspiel

ich bewege mich nicht
& betrachte nur das weißbleiche spiel
der bilder in den schaumkronen

ich wollte es tun
f.
und ich werde es tun
bis die flut den mondlichttraum
mit sich reißt

III

ich werde dich verlassen
f.
obwohl der abend mit dir sehr schön war

wir trafen uns zur wende der gezeiten
& waren zusammen
in einer ruhigen & sanften abendstunde
in der unsere körper zusammenfielen
in dem großen verlangen
das seine eigene sprache hat

wir waren zusammen
bis ein gedanke in mir die stille durchbrach
& mich hinaus in die flut trieb

ich konnte es dir nicht sagen
denn es gibt keine worte dafür
so wirst du nicht verstehen können
warum ich gegangen bin
f.

ich bereue es nicht
jetzt da ich im tiefen wasser kniee
das lange den steinwall schon bedeckt
allein mit dem mondlicht eines vollen kreises
& nicht enden wollenden bildern
die auf mich zuströmen

ich bereue es nicht
im stegenden wasser
das meine brust berührt

ich habe es getan für die bilder
f.
& ich komme nicht mehr zurück
jetzt
wo die flut meinen kopf erreicht hat.

ms – 20.12.1977