Geschichte vom Zwieeck

an der wand eines kahlen zimmers
ist wasser durchgeschlagen
und schimmelstellen haben sich gebildet

aber das spielt keine rolle für das
was unter der schwarzen bettdecke geschieht
dort sind nur unsere beiden körper
und ein unstillbares verlangen

laß´ uns die trümmer und die asche draussen vergessen
laß´ uns diesen kahlen raum vergessen
(in dem wir uns treffen)
laß´ nur die matratze in der einen ecke des zimmers
an der wand mit den schimmelstellen
wichtig sein

wenn du zu mir kommst & die türe schließt
beginne ich zu vergessen

genug von der hast, genug von der angst, genug von sirenen
durch das einzige fenster unseres zimmers
in einem zerstörten haus
fällt sonnenlicht
du kriechst zu mir unter die schwarze decke
(das einzige außer einer haltlosen vergangenheit
was wir besitzen)
und unser stundenspiel beginnt

wir wollen uns lieben
wir wollen überwinden
und vergessen
daß von deinem freund
nur die eine hälfte der erkennungsmarke
zurückkam
daß ich immer noch gesucht werde
und die nacht mit dem tag vertauschen muß
daß ich angst habe

unser begehren ist wie eine quelle ohne abfluß
& ihre kraft wird mit jedem treffen stärker

wir wollen im stundenspiel zu dem finden
das liebe genannt wird
das der krieg uns bisher verdorben hat
wir wollen unter einer schwarzen bettdecke
zueinander in unsere zukunft finden

1

es ist frühling draussen
und die sonne ist warm
wenn ihre strahlen
durch das zerstörte fenster dringen
sie finden zu dir
und sie berühren uns, wenn wir uns treffen
wenn ich auf dich warte in dem kahlen zimmer
mit den schimmelflecken an der wand
die tag um tag wachsen
wenn ich hoffe, daß mich niemand findet
(den noch immer verfolgten
der den krieg verloren hat)
wenn ich auf deine schritte warte
(die immer angst bringen
obwohl ich sie gut kenne)

angst, es könnten doch nicht deine füße sein
die diesen raum betreten
angst, ein fremder könnte die aura des zimmers zerstören
angst, du kommst nicht wieder
angst, alleine zu sterben
zu verhungern (obwohl du mir zu essen mitbringst)
zu ertrinken (unter einer schwarzen decke in einem zimmer
mit schimmelflecken an der wand)

ich liebe dieses zimmer, obwohl es mich gefangen hält
& ich liebe deine schritte, obwohl ich angst vor ihnen habe
& ich liebe dich, wenn du kommst
an einem frühlingstag auf einer wiese
im sommer in einer lichtung tief im wald
wo dich nur ein weiter himmel bedeckt
in einer kühlen herbstnacht auf gefallenen blättern
wo keiner von uns beiden sich noch auszuziehen traut
wo die kälte einen keil zwischen uns treibt
im schneesturm im winter, auf einem schlitten sitzend
eng aneinander geklammert, deinen puls spürend

du kommst nur dreimal in der woche
obwohl meine sehnsucht
für alle nächte und alle tage reichte
ich muß warten
eine vergangenheit, die ich nicht bereuen kann
entläßt eine schar von verfolgern
und zwingt mich, auszuharren

ich will mit dir zusammensein
wir wollen eine verlorene zeit überwinden
wir dürfen uns nicht verlieren

vergiß´ nicht, heute kommst du wieder zu mir
heute ist unser tag

2

die zeit vergeht nur langsam, wenn du nicht hier bist
die sonne ist wärmer geworden, ich kann es fühlen
es muß sommer draußen sein

du kommst noch immer zu mir
aber ich spüre, deine bewegungen sind schwächer geworden
die stärke deines verlangens weniger
nicht so viel vielleicht
aber ich kann es deutlich merken
der kahle raum und die schimmelstellen
haben mich dafür empfindlich gemacht
im laufe der zeit hat sich der schimmel
über die ganze wand ausgebreitet
& ich glaube, er hat form angenommen
ich kann dein gesicht deutlich erkennen
es ist ein gesicht, wie ich es nicht von dir kenne
sehr nah und sehr fremd zugleich
ich weiß, es hat etwas mit dem verlangen zu tun
das ich schwächer werden fühle

du erzählst nicht so viel
wörter sind für unser spiel auch nicht so wichtig
nur manchmal sagst du
du weißt nicht, was du tun sollst
& daß du nicht verstehst, was sie noch von mir wollen
& daß du mir einen ausweis besorgen willst
für unsere zukunft
daß du nur noch niemand gefunden hast
dem du unser geheimnis anvertrauen kannst
ich merke, es bedrückt dich
& du hast tränen in den augen

ich habe angst, unser spiel wird zum herbst fade
und eines tages kannst du nicht mehr zu mir kommen
(du wirst es mir vorher nicht sagen)
ich möchte mir dir darüber sprechen
aber das kahle zimmer, in das die sonne scheint
verschließt mir den mund
und ich kann kein einziges wort sagen

3

der sommer ist fast vorüber
der geruch des herbstes dringt durch
das offene fenster in das kahle zimmer
in dem wir uns immer noch zum stundenspiel treffen
der schimmel bedeckt jetzt die ganze wand
an der unsere matratze liegt
& ich habe dein gesicht inzwischen
besser kennengelernt
in einem vom krieg zerstörten haus
haben wir die liebe
unter einer schwarzen decke gefunden

aber wir sind unsicher geworden dabei
& stehengeblieben
und haben auch nicht mit der geringsten
unserer bewegungen versucht
das zerstörte haus zu verlassen
unter unserem einzigen gemeinsamen besitz
ist die vergangenheit unser käfig geblieben
in einem verlorenen land
im chaos, aus dem kein kosmos entstanden ist
weil wir unsere insel nicht verlassen haben
das nächstliegende hat uns gehindert
einen anderen weg zu finden
auf dem wir unserer vergangenheit
hätten entfliehen können

die angst, uns zu verlieren
hat uns die zukunft verschlossen

epilog

ich werde heute nacht
aus einem kahlen zimmer
mit schimmelflecken an der wand
fliehen
eine stunde, nachdem du weg bist
ich werde dir nichts sagen
und du wirst es auch am stundenspiel nicht merken
und auch dein gesicht an der wand wird schweigen
ich werde heute nacht fliehen
dann werden wir uns in einer anderen zeit
in einem größeren raum
wiederfinden.

ms – januar 1977