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dein
gesicht im spiegel will nicht weichen
ich sehe
es morgens
wenn licht
in mein stadtzimmer fällt
(das mich
ermahnt, wieder einmal neu zu beginnen)
ich sehe
es abends im schein der kerze
wenn du
gegangen bist
& dein
gesicht im spiegel geblieben ist
wenn ich zurückkomme
&
nichts verändert ist
manchmal
erinnert mich dein gesicht im spiegel
an unser
spiel im holunderbusch
dort
wo uns
niemand entdeckt hat
wo nur der
winter uns verraten hat
auf den
feldern zwischen der straße und dem wald
haben wir
aus heu hütten gebaut
& die
letzten kartoffeln gesammelt
& in
das feuer gelegt
im herbst
haben wir stöcke
in den
großen nußbaum geworfen
& die
heruntergefallenen nüsse
von der
erde aufgelesen
bis unsere
hosentaschen voll waren
unsere
spiele waren sanft & unsere bewegungen schnell
(im
holunderbusch waren wir zu zweit)
&
niemand hat versucht, in unsere welt einzudringen
außer
der winter vielleicht
weil er
den holunderbusch kalt und durchsichtig
gemacht hat
&
deine großmutter vielleicht
weil sie
uns im winter einmal
unter dem
tisch erwischt hat
wenn du
fort bist
& ich
in mein stadtzimmer zurückkomme
(wo es nie
ganz ruhig ist)
treffe ich
dich wieder:
dein
gesicht im spiegel & das ungemachte bett
wo noch
deine ganze wärme ist
ich
begegne deinem parfüm wieder
und der
rose auf dem tisch
neben der kerze
die du mir
mitgebracht hat
(der
tribut einer verlorenen wette)
dein
gesicht im spiegel und der holunderbusch
wollen
nicht weichen
wenn du zu
mir kommst & mich umarmst
& ich
mich löse & frage
was
führt sie zu mir, madame
& du
lachst & mich wieder umarmst
& mich
an unser sommerspiel als kinder erinnerst
wenn du
dich auf dem bett wiederfindest
&
nacktheit dein schönstes kleid ist
wenn du
gegangen bist
& dein
gesicht im spiegel nicht weichen will
dann wird
für einen augenblick einfach
belanglos
was jeden
tag neu in zeitungen steht
& was
als täglicher wahnsinn
zu unserem
bewußtsein wird
dann wird
für einen kurzen moment
völlig
unsinnig
daß
die zeit auch die mutigsten kämpfer
auf dem
schlachtfeld des friedens
hat
verstummen lassen
&
daß sie der härteste schleifstein
aller
träume ist
all´
das ist unwichtig
wenn dein
gesicht im spiegel erscheint
wenn es
sich langsam verändert
&
immer etwas neues zum vorschein bringt
deine
freude ist wie eine straße ohne horizont
&
deine traurigkeit eine allee im herbstwind
&
deine bewegungen sind sanft wie unser spiel
im holunderbusch
das der
winter verraten hat
ich kann
den zeitungen nicht entfliehen
aber dein
gesicht im spiegel
läßt
sie mich ertragen.
ms 24.8.1976 |