Geschichte vom Fluchtweg

auf dem floß der medusa ist es ruhig geworden

der teufel ist am morgen des letzten tages geflohen
und hat den rest der arbeit den teufelsaustreibern überlassen

f. ist an gelbsucht gestorben
sein ausgemergelter körper treibt tot in den fluten

„ich schreie zu dir, herr“
& der herr der friedhöfe antwortet nicht

„errette mich, herr, vor dem sturm“
& der gott
der den menschen in der krise seiner lebensmitte erschuf
um seine identität zu finden
schweigt

„ich kann nicht beten, herr, meine hände sind gebunden“
& der richter der letzten justiz kann nicht hören

auf dem floß der medusa gibt es keine antwort
& es ist still ringsum in den tiefen der angst

die letzten lebenden harren in einem goldenen käfig aus
auch sie sind still geworden
& nur selten dringt der schrei der exorzisten
in die kammern des verlangens

bei einem schwachen licht gibt es keine kraft
den stab der weisen zu durchbrechen
& die freiheit endet am rande des floßes
wo die exorzisten knieen
und auf den körper des toten f. starren

„satan, weiche, du ziehst uns alle
in den ewigen schlund der hölle“
aber satan ist fern und zeigt kein interesse mehr

die männer der überzeugung liegen gelähmt
in dem goldenen käfig
& können das floß nicht steuern
das land ist nah
aber die balken im floß sind starr
und der goldene käfig läßt keinen entkommen

ein starkes kraftfeld hemmt jede bewegung
& die gefangenen ändern ihren standort kaum

(dasewigeschema
diehilflosigkeitunterdenguillotinen
dieblindheitvorderschriftanderwand
dasverharrenimtiefstenzustand)

ein weiterer wird unter den schreien der exorzisten sterben
und es wird am abend des letzten tages totenstill
auf dem floß der medusa sein
& eine fahle gelbe qualvolle see
wird den letzten im käfig fordern

„errette uns, herr, aus der ungewißheit unseres treibens“
das floß der medusa ist in einen strudel geraten
und der körper des toten f. ist verschwunden

das floß dreht sich ganz langsam im kreis
(dertanzimballsaalbevordiepestkam)
und das gurgeln der see übertönt das röcheln der exorzisten

„wir können nicht entkommen, herr“
aber es ist keine kraft mehr in den händen der ferne
und die zeit im stundenglas der medusa beginnt auszulaufen

die bewohner des käfigs opfern ihre lebenszeit
dem kraftfeld der stetigkeit
und harren bewegungslos aus

das floß der medusa wird keine spuren
im meer der vergänglichkeit hinterlassen
wenn der orkan den letzten bewohner des käfigs verschlingt

es gibt keinen fluchtweg für euch insassen goldener käfige
die ihr eure lebenszeit verschenkt
& es gibt keinen ausweg für euch exorzisten am rande des floßes
die ihr unablässig in den strudel starrt
& es gibt keine auferstehung für dich, f.
weil du in einem goldenen käfig gestorben bist
von wo aus du nicht mehr fliehen konntest
unter den beschwörungsformeln der teufelsaustreiber
bist du an gelbsucht gestorben

f.
deine letzte reise hast du in den fluten des irrsinns angetreten
angekettet an einen balken im floß der medusa
unter einem gelben & toten himmel
aus dem keine zeichen mehr kommen

unter dem letzten abendrot rinnt die zeit nur noch spärlich
aus dem stundenglas der medusa
& der goldene käfig ist leer
& die teufelsaustreiber sind verschwunden
der fahle gelbe himmel lastet bleiern
auf einem vergehenden universum
aus dem es kein entkommen gibt

auf den berstenden balken des floßes der medusa
ist die letzte hoffnung gestorben.

ms – september 1976