„Ich denke mir die Liebe schön und schreibe mir das Leben wild.“

DIE GELIEBTE DER WÖRTER

Der Zug war unpünktlich, wie immer. Ich stehe etwas verloren in Bamberg auf dem Bahnhof mit einer langstieligen dunkelblauen Blume in der Hand. Sie hat große, fast noch geschlossene, kelchförmige Blüten und ist etwas nach lila hin abgetönt. Außerdem bin ich ziemlich nervös, denn die Frau, die aus dem Zug steigen wird, habe ich nie vorher gesehen. Ich habe nur eine vage Vorstellung von ihr, mittellange braune Haare, einsachtzig groß und eine silberne Brille. Wer wird da ankommen? Wird sie mir gefallen, werde ich sie mögen können? Der Zug kommt endlich an und es steigen zum Glück nur wenige Leute aus, so dass ich sie gleich erkenne. Sie schaut sich um und weiß sofort, dass ich der Verrückte sein muss, mit dem sie sich auf eben solches Spiel eingelassen hat. Wir schauen uns nur ganz kurz in die Augen, umarmen uns flüchtig und in diesem Moment wissen wir beide, dass wir ganz von vorne beginnen müssen.

Nach knapp zwanzig Ehejahren befiel mich die unbändige Lust, eine andere Frau zu begehren. Die ersten Versuche in Cafés, Ausstellungen und Bars schlugen fehl. Es funktioniert nicht, sich irgendwo hinzusetzen und zu denken, „Hier bin ich, ihr Frauen dieser Welt, nehmt mich“. Und da ich noch dazu nicht der markant männliche Typ bin, der nur den berühmten tiefen Blick braucht, damit ihm die Frauen zu Füssen liegen, machte es die Sache nicht leichter. Eine Alternative bot das Internet mit seinen „Chats“. Das sind so etwas wie virtuelle Kontaktbörsen und Gesprächskreise. Man gibt sich einen beliebigen Namen, den „Nicknamen“, und sagt Hallo zu allen Partnerinnen, deren Nick einen anspricht. Ich nannte mich ganz selbstbewusst „Her Wildest Dreams“. Nach einiger Zeit wurde mir klar, dass nur die Frauen interessant sind, die einen Vornamen angeben oder poetische Kürzel wie „Blume der Nacht“ und „Traumgängerin“ bevorzugen. So kostete es mich einige Zeit vor dem Computer, diejenigen Frauen herauszufinden, die in etwa meinen Vorstellungen entsprachen.

Ich war etwas verwegen, als ich die „Intelligente.Hure“ ansprach. Es hat mich erst einmal nur interessiert, wer hinter dem etwas zwielichtigen Namen steckt. Ich frage sie, ob sie als Hure arbeitet oder eine sogenannte „Hobbynutte“ ist, die moderne Form des Hausfrauenstrichs. Sie verneint vehement. Sie habe es noch nie mit einem Mann für Geld gemacht. Nur auf die Kürzel, die ihr gefallen würden, reagierten die Männer einfach nicht und schließlich wolle sie einen Mann kennen lernen. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, dass ich darauf reingefallen bin, aber sie hat mich neugierig gemacht. Wir unterhalten uns über Poesie. Schnell wird klar, dass dies ihre Welt ist. Ihr gefällt Rilke und sie schreibt mir Zeile für Zeile das Gedicht mit dem Titel „Der Wahnsinn“:

Sie muß immer sinnen: Ich bin... ich bin... / Wer bist du denn, Marie? / Eine Königin, eine Königin! / In die Kniee vor mir, in die Knie!
Sie muß immer weinen: Ich war... ich war... / Wer warst du denn, Marie? / Ein Niemandskind, ganz arm und bar, / und ich kann dir nicht sagen wie. 
Und wurdest aus einem solchen Kind / eine Fürstin, vor der man kniet? / Weil die Dinge alle anders sind, / als man sie beim Betteln sieht.
So haben die Dinge dich groß gemacht, / und kannst du noch sagen wann? / Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht, - / und sie sprachen mich anders an.
Ich trat in die Gasse hinaus und sieh: / die ist wie mit Saiten bespannt; / da wurde Marie Melodie, Melodie... / und tanzte von Rand zu Rand.
Die Leute schlichen so ängstlich hin, / wie hart an die Häuser gepflanzt, - / denn das darf doch nur eine Königin, / daß sie tanzt in den Gassen: tanzt!...

Ich mag Gedichte und bin ein Verfechter der Poesie im Alltag, wodurch sich eine Gesprächsebene ergibt. Außerdem kann ich mit einer Vergangenheit als Dichter aufwarten. Das ist zwar zwanzig Jahre her, aber es gibt mir die Gelegenheit, die alten Geschichten auszugraben und auf ihren Wert hin zu überprüfen. Ich sende ihr per E-Mail testweise eine Geschichte von mir, die „Geschichte vom Fluchtweg“. Es ist eine düstere Erzählung, die auf dem untergehenden Floß der Medusa spielt und ein bisschen die Stimmung von „Aguirre, der Zorn Gottes“ widerspiegelt. Zu meinem Erstaunen gefällt sie ihr und wir kommen ins Reden. Sie spricht nicht viel von sich selbst, ist ziemlich verschlossen und hat immer nur von 5 bis 7 Uhr abends Zeit. Ich bekomme mit der Zeit heraus, dass sie in einer Bibliothek arbeitet und die Computer dort benutzen kann. Ich bekomme auch heraus, dass sie wenig Geld hat, aber nicht, warum. Ihren Namen will sie mir nicht sagen, nicht einmal ihren Vornamen. Sie meint, das würde für die Poesie keine Rolle spielen. Ich erfahre nur, dass sie 30 Jahre alt ist. Also genau richtig für meine Wünsche. Wir gehen tiefer in unseren Gesprächen, unterhalten uns über Sehnsucht und Traurigkeit, senden uns Gedichte und Geschichten und kommen uns so näher.

Sie lebt in ihren Büchern. Sie sagt, sie müsse eigentlich nichts mehr erleben, weil sie alles gelesen habe. Alles sei ihr bekannt, sie wisse vorher, wie es ausgehen werde. Sie zitiert zur Verdeutlichung die Handlung des Films Before Sunrise: Ein Mann und eine Frau lernen sich im Zug kennen. Die Frau fährt zu einer größeren Stadt, von wo aus sie am nächsten Tag wegfliegen will. Aber eben erst am nächsten Tag. Der Mann muss an der nächsten Station aussteigen und die Frau will noch bis zu ihrem Ziel weiterfahren. Da er weiß, dass sie erst morgen abfliegen wird, bittet er sie, mit ihm auszusteigen. Das will sie nicht. Um sie von seinem Vorhaben zu überzeugen, sagt er sinngemäß: „Wenn du heute nicht mit mir aussteigst, wirst du in dreißig Jahren denken, wäre ich nur damals ausgestiegen. Wenn du heute mit mir aussteigst, dann weißt du, dass du nichts verpasst hast.“ Dann steigen sie beide aus.

Sie sagt „Ich sehe es wie der Mann. Es ist trotzdem nicht egal, ob sie aussteigt. Das Leben wäre eine Katastrophe aus Illusionen, würde man immer sitzen bleiben. Sie muss aussteigen, um zu wissen, dass sie nichts versäumt hat.“ „Aber wenn man vorher weiß, dass nichts Wesentliches geschehen wird, ist es doch letztlich egal, ob man aussteigt.“ „Es ist nicht egal. Sie muss aussteigen, um eben das zu erfahren. Man versäumt fast nichts. Bei vielen Dingen, von denen wir meinen, wir versäumen etwas, wenn wir sie auslassen, geht uns nichts verloren. Aber das wissen wir nicht im voraus.“

Das klingt alles etwas seltsam. Sie schafft es, ein Geheimnis aus sich zu machen. Geheimnisvolle Frauen ziehen mich an. Es ist am Anfang niemals die Rede davon, sich zu treffen, über Wochen bleibt der Kontakt auf einer poetisch unverbindlichen Ebene. Irgendwann im Gespräch lässt sie fallen, dass sie einen Traum hat, wie sie mit einem Mann zusammensein möchte. Sie möchte fürstlich bewirtet werden, ihm aus Büchern vorlesen und ihn dann als Frau verwöhnen. Die Idee gefällt mir gut und ich mache ihr den Vorschlag, dass sie es ja mit mir ausprobieren könne. Voraussetzung sei, dass sie auch aus meinem Buch lesen müsse, dann wäre es auch mein Traum. Das Ganze scheint mir zwar etwas gewagt und es wundert mich, dass sie recht bald zustimmt, denn sie kennt mich ja nicht persönlich. Eventuell mit Quasimodo schlafen zu müssen, kann nicht die reine Freude sein. Aber es geht darum, Poesie und Erotik zusammenzubringen und sie geht wenig später sogar soweit, mir einen Tag und eine Nacht mit ihr zu versprechen. Dann wird sie professionell. Da ich verheiratet sei, müsse ich es bezahlen. Sie schlägt ein Honorar von 100 DM vor. Das ist nicht viel für eine aufregende Nacht, also stimme ich zu. Einen Versuch scheint es wert, wenn ich auch etwas skeptisch bin, und so beschließen wir, aus der Idee einen Plan machen und ihn irgendwann durchführen.

In den nächsten Wochen unterhalten wir uns über die unterschiedlichsten Texte und zwischendurch arbeiten wir gemeinsam den Plan aus, wie unser Zusammensein ablaufen könnte. Ich nenne sie eine Geliebte der Wörter, denn das ist die einzige Welt, in der sie sich zu bewegen scheint. Die Gelegenheit zum Treffen ergibt sich während meines Urlaubs in der Fränkischen Schweiz. Sie kommt aus Erfurt und das sind gerade mal zwei Stunden Zugfahrt. Sie ändert immer wieder am Ablauf, ich schlage ein Hotel für den Abend und die Nacht vor, sie möchte lieber im Freien bleiben, aber ich kann sie dann doch vom Hotel überzeugen. Dann will sie noch meine Masse wissen. Ich nenne ihr meine Größe und ungefähres Aussehen und verschweige dabei galant mein Gewicht. Sie fragt zum Glück auch nicht weiter danach. Ein Bild von mir will sie nicht haben, sie hat auch keines von sich, also wird es ein „Blind Date“ werden.

Als wir dann zum Auto gehen, betrachte ich sie mir näher. Ich mag sie auf Anhieb, wenn sie auch nicht ganz mein Typ ist. Sie ist eine etwas verbaute Schönheit mit einem etwas zu breiten Becken, einem etwas zu kleinen Busen und einem etwas zu großen Oberkiefer. Dass sie ein wenig größer ist als ich, stört keinen von uns beiden. Sie hat eine nettes, wenn auch sehr junges Gesicht. Das gibt ihr eine leicht jungfräuliche Ausstrahlung, die mir fremd, aber nicht unangenehm ist. Sie hat nicht viel Männer gehabt, das merkt man sofort. Ich bin ihr zumindest nicht unsympathisch, aber es ist keine Liebe auf den ersten Blick.

Wir fahren in die Fränkische Schweiz nach Doos, von wo aus wir eine Wanderung durch das Aufseßtal unternehmen wollen. Sie hatte sich gewünscht, dass wir uns an einem Fluss treffen. Auf der Fahrt sprechen wir über allgemeine Dinge wie die Neigetechnik der ICE-Züge und deren Verspätungen bei Nichtfunktionieren, nichts Persönliches. Immerhin nennt sie mir jetzt ihren Vornamen: Marie. Trotz unserer langen Abende im Chat sind wir uns nicht so nahe, wie wir dachten, ein wenig Sympathie, nichts weiter, keine Tiefe. Wir stellen beide fest, es gibt keine Verbindung zwischen der sehnsuchtsvollen virtuellen Welt und der Wirklichkeit.

Wir kommen in Doos an, einem Flecken mit drei Häusern und einem winzigen Wasserfall. Als sie ihre lange schwarze Hose gegen eine kurze Wanderhose wechselt, schaue ich ihr zu. Sie lässt es geschehen, ohne mich zu ermahnen. Ich sehe ihre geraden langen Beine und eine wohlgeformte Rundung, die mich neugierig macht. Dann gehen wir los, die Wanderung soll entscheiden, ob wir unser Spiel spielen können oder nicht.

Das Tal ist am Anfang breiter, einige Dolomitfelsen säumen den Weg. Wir haben Glück, es scheint die Sonne und für einen Augusttag ist es sehr warm. Eigentlich das ideale Klima, sich zu verlieben. Uns vereint die gemeinsame Lust auf Wandern und Poesie. Sie hat den Rilke und ihr Tagebuch eingepackt und ich habe mein Buch mitgenommen. Aber es gestaltet sich schwerer, als wir beide dachten. Sie ist verkrampft, ich spüre ihre Angst. Schlagartig wird ihr bewusst, dass sie ihr kühnes Versprechen nicht einlösen können wird. Man kann sich nicht vornehmen, einen unbekannten Menschen zu lieben.

An der ersten Biegung des Flusses setzen wir uns ins Gras und sie liest das Gedicht „Erinnerung“ von Rilke:

... Und du wartest, erwartest das Eine, / das dein Leben unendlich vermehrt; / das Mächtige, Ungemeine, / das Erwachen der Steine, / Tiefen, dir zugekehrt ...

Sie hat eine wundervoll sanfte Stimme mit einem leichten Akzent, der ihrer Stimme eine ganz eigene Anziehungskraft verleiht. Es ist sehr angenehm, ihr zuzuhören. Ich lehne mich zurück, schaue in die Wolken und genieße ihren Vortrag.

Als ich mich für das Gedicht mit einer Umarmung bedanken will, schreckt sie zurück mit den Worten „Ich kann mich doch nicht von einem Fremden berühren lassen“. Ich bin zuerst etwas erstaunt über ihre Reaktion, begreife dann aber, dass mein Wunsch nach körperlicher Nähe nicht erfüllbar ist und unser gesamter Plan auf dem Spiel steht. Ich hätte es vorher wissen müssen. Aber das Große Männliche Begehren verfängt sich eben manchmal in grenzenloser Naivität. Und sie? Sie war ebenfalls so naiv zu glauben, sie könne sich in einen Mann verlieben, den sie nur aus virtuellen Wörtern kennt.

Ich sage „Ich versuche, meine Seele vom Verlangen zu reinigen. Nur, wenn wir die Liebe als Spiel erkennen und frei dafür sind, gibt sie uns eine Chance.“ „Ich habe nicht viel über die Liebe erfahren in den letzten Jahren. Meinen letzten Freund habe ich verlassen, weil er zu geizig war“, antwortet sie.

„Du lebst jetzt nur noch in Deinen Büchern. Du glaubst, alles was du gelesen hast, hast du auch erfahren und brauchst es nicht mehr zu erleben. Damit verschließt Du Dich dem Neuen, Unbekannten, wovon nichts in Deinen Büchern steht.“ „Ich weiß im Grunde genommen alles. Nicht, dass ich besonders klug wäre. Ich brauche nicht auszusteigen. – Aber immer nur fahren kann nicht alles sein“ fügt sie hinzu. „Du willst letztlich nicht aussteigen.“ „Es würde mir nichts nützen, es muss einer kommen, der den Zug anhält.“ „Der Zug ist schon so schnell, dass ihn keiner mehr anhalten kann.“ „Man würde sterben bei dem Versuch. Ich würde sterben. Der Mann, der den Baum quer über die Schienen legt, würde mit dem Schrecken davon kommen.“ „Es würde keiner den Versuch wagen, weil die Gefahr zu groß ist. Dein Tod ist nicht attraktiv. Erst wenn Du nicht mehr auf ihn wartest, kann einer kommen und den Zug zum Stehen bringen, falls er mutig genug dazu ist. Liebe kann man nur verschenken, sie darf nichts erwarten und nichts verlangen. Wenn Du am stärksten nach ihr begehrst, wird sie sich am weitesten von Dir entfernen. Sie kommt unverhofft, wenn Du schon den Glauben an sie aufgegeben hast.“

Wir gehen weiter bis zur Kuchenmühle, wo wir uns hinsetzen und essen. Sie findet die Wirtin sehr nett, mir ist sie etwas zu kantig. Es sitzen außer uns noch einige Familien mit Kindern im Garten. Sie bemerkt „meinst Du, diese Menschen sind glücklich“. Ich frage zurück „Bist Du glücklich“ und sie antwortet „Ich habe meine Bücher“.

Dann brechen wir auf. Die Augustsonne steht hoch am Himmel. Hinter der Kuchenmühle führt der Weg steil nach oben. Wir gehen eine Weile schweigend nebeneinander her. Als wir die Hochebene erreichen, wird der Weg leichter. Eine weite Landschaft mit Feldern, Streuobstwiesen und kleinen Waldstücken liegt vor uns.

„Ich erzähle Dir eine kurze Geschichte eines langen Weges“, sage ich. „Vor vielen Jahren, als ich schon eine Zeitlang liiert, aber noch nicht verheiratet war, habe ich einmal eine Frau kennengelernt. Es war eher zufällig, denn ich hatte nichts erwartet und so war mein Herz offen und konnte es geschehen lassen. Wir verbrachten zwei wunderbare Nächte miteinander und dann haben wir uns ineinander verliebt. Schon bald ergab sich die Gelegenheit, dass wir uns wieder treffen konnten und wir hatten einige wilde Nächte und viele aufregende Tage miteinander. Wir verstanden uns sehr gut, mochten die gleiche Musik und lachten über die gleichen Späße. Wir tranken Cocktails zusammen und das Leben war frei und einfach. So war es nicht verwunderlich, dass sie mich ganz für sich haben wollte. Aber ich hatte Angst, den fahrenden Zug zu verlassen. Ich konnte nicht abspringen, weil ich das Neue fürchtete. Und ich hatte Angst vor dem Alltag, der unsere Zuneigung verschlingen könnte. So gingen wir eines Tages einen langen Weg durch den Wald und beschlossen, uns zu trennen. Aber das ließ sich nicht vornehmen, denn unsere Sehnsucht war zu stark. Eine Weile später haben wir es trotzdem getan und je schwächer mit der Zeit mein Verlangen wurde, desto stärker nahm die Traurigkeit seinen Platz ein. Dann haben wir uns mehrere Jahre nicht gesehen. Ich habe geheiratet und sie hat einen anderen Mann kennengelernt, den sie später ebenfalls geheiratet hat. Vor zwei Jahren führten unsere Wege wieder zusammen und Verständnis, Zuneigung und Sehnsucht waren sofort wieder da. Sie ist älter und reifer geworden und ich bin jetzt entschlossener. Noch fahren die Züge parallel. Und ob sie sich im Unendlichen jemals treffen werden, ist eher unwahrscheinlich. Das, was mich diese Erfahrung lehrt, ist ganz einfach: Sei mutig, vertage nichts, lebe den Moment. Die Zukunft duldet keinen Aufschub.“

Sie schaut mich mit großen, fragenden Augen an. Wir kommen an vielen Apfelbäumen vorbei. Die Äpfel sind fast reif, noch ein wenig sauer, aber durchaus schon genießbar. Wir unterhalten uns über den Wolkenflug und die Träume, die mit ihnen ziehen, über die Traurigkeit und die Bitterkeit, die der Bodensatz der Enttäuschung ist.

Auf dem Rückweg kommen wir zur Oswaldhöhle, durch die ein Weg hindurch führt. Sie ist recht lang und so ist es in der Mitte der Höhle völlig dunkel. Sie bleibt stehen und zitiert aus dem Gedächtnis ein Gedicht aus ihrem Rilke-Buch.

Die Einsamkeit ist wie ein Regen. / Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen; / von Ebenen, die fern sind und entlegen, / geht sie zum Himmel, der sie immer hat. / Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Durch den leichten Hall der Höhle bekommen ihre Worte ein besonderes Gewicht. Nach dem Schluss des Gedichtes kommt sie auf mich zu, umarmt mich und gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.

Der Weg führt verschlungen durch den Wald und bringt einige Steigungen und Gefälle, die wir meistern. Dann kommen wir am Adlerstein zu einer herrlichen Aussicht, die schon Victor von Scheffel zu einem pathetischen Gedicht animierte. Über die Versturzhöhle Riesenburg steigen wir die langen Treppen herab in das Wiesenttal. Oben am Felsen steht geschrieben: „Folgend dem Windzug kommen zum Felsen die Wolken und weichen, unveränderlich aber steht der Fels in der Zeit.“ Wir sehen uns als Kinder des Windes. Dies ist unser Spiel.

Am Abend führe ich sie wie geplant in die Pulvermühle aus. Das Lokal atmet literarische Vergangenheit. Hier fand 1967 das letzte Treffen der Gruppe 47 statt mit Literaten wie Grass, Fried, Walser und Härtling. Sie haben sich dort zerstritten und sind später nie wieder zusammengekommen. Wir wollen mit unserer Anwesenheit die Harmonie der Wörter an diesen Ort zurückbringen. Die Gasträume sind klein und rustikal, wir nehmen am mittleren Tisch Platz. Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe Amerikaner, die laut palavert. Trotzdem ist es romantisch und wir beginnen mit einem Aperitiv und einer Vorspeise. Sie bestellt sich als Hauptgericht Pfifferlinge mit Rührei. Ich nehme eine Forelle blau ohne Butter, aber mit Meerettichsahne und einem gemischten Salat. Wir trinken gemeinsam einen Bocksbeutel Weißwein dazu. Der Fisch ist groß und sehr gar, so dass er sich bereits auf dem Teller gebogen hat. Die Haut lässt sich leicht entfernen. Stück für Stück trenne ich das weiche, aber feste Fleisch des Fisches heraus und esse es genüsslich. Zum Nachtisch nehme ich eine Beerengrütze aus roten Früchten und sie bestellt sich einen Eisbecher. Löffel für Löffel lässt sie das Eis in ihrem Mund zergehen und sieht mich dabei mit langen Blicken an. Nach einem Espresso verlassen wir das Lokal und sie nimmt mich auf dem Weg zum Auto mit einem festen Griff an der Hand.

Das Hotelzimmer ist modern eingerichtet, mit Wurzelholz-Verkleidungen und mehreren Spiegeln. Die Betten sind neu und groß, die Matratze fest. Ich habe ihr ein eigenes Zimmer bestellt, sie hat es aber nie betreten. Ich setze mich auf das Bett mit dem Rücken an die bunte, aber farblich gut abgestimmte Stoffverspannung. Sie setzt sich vor mich hin, so dass ich in ihr Gesicht sehen kann und unsere Beine sind ineinander verschränkt und berühren sich leicht. Sie hat sich ihr schwarzes T-Shirt und eine bequeme kurze Hose angezogen und so liegen ihre schönen Beine in voller Länge vor mir. Sie beginnt mit einem Gedicht von Rilke, „Die Liebende“.

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite / mich verlierend selbst mir aus der Hand, / ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite, / was zu mir kommt wie aus deiner Seite / ernst und unbeirrt und unverwandt. ...

Ich beginne, sie dabei ganz behutsam an der Schulter, in den Haaren und im Gesicht zu streicheln, was sie geschehen lässt. Als sie geendet hat, nehme ich mein Buch und lese ihr das „Märchen für eine ferne Hexe“ vor:

zuerst ist f. um sie herumgelaufen
um sie auf sich aufmerksam zu machen
als das nichts genutzt hat
ist er um sie herumgesprungen
damit sie ihn bemerke
aber sie nahm keine notiz von ihm

daraufhin bleib f. eine weile von ihr fern
um sie an seine abwesenheit zu erinnern
aber auch das half nicht
ob er in ihrer nähe war
oder sehr weit weg
schien sie gar nicht zu interessieren

Meine Hände berühren ihre Füße, ich knete sie ein wenig und gebe ihr dann auf jeden Fuß einen flüchtigen Kuss.

doch er hatte keinesfalls die absicht
aufzugeben

er ging in das armenviertel
und schuf sich eine armee aus bettlern
und marschierte auf sie zu
aber sie bewegte sich nicht
egal was er auch versuchte

also ging er in die gesellschaft
wurde reich
und kaufte das schönste automobil
das er finden konnte
und fuhr damit bei ihr vor

aber sie veränderte ihre haltung
ihm gegenüber dadurch nicht

allmählich begann f. der mut zu verlassen
er entließ seine armee
verbrannte sein geld
verschrottete das teure auto
und wollte sie für immer vergessen

zum abschied ging er noch einmal um sie herum
um sie ein letztes mal
und sehr genau
zu betrachten
und dabei berührte er sie
ganz leicht und ganz zufällig

Meine Hände wandern sehr langsam ihre Beine hinauf und ich versuche, jedes kleine Fleckchen dieses wunderbar weiten Geländes zu ergründen. Ich erreiche ihr Knie, wo meine Hand eine Zeitlang kreisend verweilt.

da begann sie sich zu bewegen
zuerst sehr zaghaft nur
aber dann ging sie auf ihn zu
nahm ihn bei der hand
und führte ihn
wie selbstverständlich
von dannen

Der Weg meiner Hände geht weiter nach oben. Als ich ihre Oberschenkel erreiche, spüre ich, wie sie leicht ihre Beine öffnet, aber ich vermeide es sorgsam, zum Zentrum des Begehrens vorzudringen. Ich ende an der Stelle, an der die Hose ihre Haut berührt.

sie gingen zusammen durch die städte
durch die dörfer
die auen und die wälder
bis sie an das meer kamen
wo auf einer düne
ihr haus stand
und sie blieben forthin dort
und lebte ein leben
fernab allen treibens

sie hatten die flut
und sie hatten manchmal den sturm
aber sie kamen beide hindurch
und ihre nächte wurden nicht lang

manche der fremden
die in ihre gegend kamen
haben sie gefunden
wenn sie nur stark genug
gesucht haben
und sie wurden fürstlich empfangen
im haus der hexe

aber manche sind auch an den beiden
vorbeigegangen
und haben sie nicht gesehen

so lebten f. und die hexe
mit den fremden
im haus am meer
und waren glücklich
bis an das ende der gezeiten
bis die letzte flut kam
die das haus der hexe
mit sich fort trug

aber ich weiß
daß sie sich dort
wiedergefunden haben
wo ebbe & flut nicht mehr wichtig sind
und wo es keinen haß gibt

und ich weiß außerdem
daß sie auch dort glücklich waren.

Sie genießt das Streicheln sichtlich, aber jetzt ist sie wieder an der Reihe, zu lesen. Sie sucht sich ein Gedicht von Rimbaud aus und beginnt zu lesen.

Närrisches Spiel in drei Küssen

Sie hatte kaum noch Wäsche an,
und durch das Fenster warf ein Baum
aus halber Höhe rosa Schaum
und Duft herein. Der Mond begann.

Sie saß im Sessel wie der Mond so blank,
verschämt die Arme auf der jungen Brust.
Die kleinen Füße wippten unbewußt
den Takt der Lust, mein Herz schlug fieberkrank.

Ich nehme ihr Gesicht in beide Hände und gehe dann mit meinen Händen langsam hinunter zu ihren Schultern und gelange schließlich zu ihren kleinen festen Brüsten, deren Höfe sich auf dem T-Shirt deutlich und einladend abzeichnen. Als ich sie berühre, stockt sie leicht beim Lesen.

Ein blauer Schatten schoß vom Laubgewirr
herunter, traf des Leibes Elfenbein
und stand erschrocken irr
wie ein Insekt auf spiegelweißem Stein.

Ich küßte meiner Dame heiß
der feinen Knöchel Muskelspiel
und war noch weit von meinem Ziel;
sie lachte: „Du um keinen Preis.“

Sie wehrt sich nicht, als ich ihr T-Shirt ausziehe.

Die schmalen Fesseln zogen sich,
husch, in den roten Plüsch zurück,
ich fühlte ihre Fingerspitzen im Genick
wie Nesselgift, Insektenstich.

Sie schloß die Augen schreckhaft zu
beim nächsten Kusse auf das Knie,
ihr schmales Schlangenzünglein schrie:
„Wagt sich dein Mund noch weiter, du,
dann beiß ich dich!“ Mein Mund, im Zug
war schneller und entdeckte in dem Tal
der Brüste das blutrote Muttermal
und das war ihr zuletzt noch nicht genug.

Ich beuge mich sanft nach vorne, küsse ihre Brüste und dann die kleinen vorwitzigen Felsen auf den Anhöhen. Eine Armada von kleinen, funkelnden Schweißperlen erscheint auf ihrem Busen. Ich vernichte sie mit einem Zungenstreich und ziehe einen leichten feuchten Strich ihren Bauch hinunter. Sie lehnt sich ein wenig zurück und genießt es etwas scheu, was ich sehr aufregend finde.

Sie hatte nichts als nur die Haut noch an,
und durch das Fenster war ein Baum,
als freue es auch ihn, aus rosa Schaum
ein Seidenpfühl herein. Und Gott begann.

Ihr Nabel schmeckt nach Buttercreme und ich lutsche an der kleinen Kirsche in der Mitte, die bei der Geburt stehen geblieben ist. Es kitzelt sie ein wenig und so streicht sie mir mit ihren Händen über meine Haare. Während meine Zunge noch um ihren Bauchnabel kreist, wandern meine Hände gen Süden. Bald gelangen sie an das Bermuda-Dreieck, das sie aber wieder sorgsam umgehen. Ich streichele zart die Innenseiten ihrer Schenkel, bis ihr die schwarze Hose zuviel wird und sie sie selbst auszieht. Sie hat ein schönes, wenn auch nicht knappes, lang geschnittenes weißes Höschen an, das einen wundervollen Abschluss ihrer langen Beine darstellt.

Sie hat aufgehört zu lesen und atmet schneller. Jetzt habe ich mit meiner Hand das Flussufer erreicht und am Rand bildet sich bereits ein feuchter Schimmer. Der dunkle Schatten unter dem hellen Stoff ist deutlich zu erkennen und ich küsse ihn sanft, wobei mir ein leichter Geruch von Mandeln entgegenströmt. Ich nähere mich dem geheimnisvollen Ort behutsam von der Seite und stelle fest, dass sich zwischen den kleinen Felskratern ein See gebildet hat, der den umliegenden Wald befeuchtet. Ich erkunde vorsichtig die Höhle in der Mitte. Sie fühlt sich sehr warm, aber ein wenig eng an. Eine Weile später entdecke ich den kleinen über der Höhle gelegenen Hügel und nehme ihn in kreisenden Bewegungen für mich ein. Sie hat sich inzwischen ganz zurückgelehnt und stützt sich an der Bettkante ab. Ich ziehe ihr letztes Kleidungsstück langsam aus und mein Kopf findet zwischen ihren Beinen eine neue Heimat. Der herrliche Duft eines frühsommerlichen Waldbodens strömt mir entgegen. Meine Zunge wandert um den Vulkansee und erreicht nach einer Weile die heiße Quelle. Schon eine kurze Zeit später höre ich ein leises Stöhnen, das darin mündet, das sie ganz entspannt vor mir auf dem Bett liegt. Ich betrachte sie ausgiebig und sehe eine neue Form von Poesie.

Nach einer Weile richtet sie sich wieder auf, bedeckt mich mit Küssen und sagt zu mir „Ich will Dich ganz bei mir haben“. Sie setzt sich auf mich. Ich genieße ihre leidenschaftliche Wärme und die Feuchte ihrer kleinen, aber tiefen Höhle. Sie nimmt sich mein Buch und liest das Gedicht, das den Titel „Verlangen“ trägt. Sie bewegt dabei ihr Becken langsam kreisend im Rhythmus der Worte. Die letzten Worte meines Gedichtes kann ich nicht mehr hören, da die Lust meine Sinne in alle Richtungen zerstäuben lässt.

Wir liegen die ganze Nacht eng beisammen, verschlungen zu einem S. Ihre Haare duften nach Pfirsichen und auf ihrer Haut liegt noch ein leichter Geruch von Rilke und Begehren. Als wir am Morgen aufwachen, küssen wir uns ausgiebig. Ich liege wohlig ausgestreckt im warmen Bett. Sie streichelt mich lange und dann kniet sie sich vor mich hin. Zaghaft begehrt sie meine Männlichkeit. Ich habe etwas Angst wegen ihrer Zähne. Aber ihr Mund ist so wundervoll wie ihre Stimme. Schade, dass sie dabei nicht Villon zitieren kann.

Nach einem kurzen Frühstück brechen wir auf. Sie muss zeitig wieder in Erfurt sein. Als wir zurückfahren, lege ich Cohen auf. Sie kennt ihn nicht, findet die Musik aber schön. „There is nothing pure enough to be a cure for love“. Wir hören auf die Musik und sprechen nicht viel. Ich streichele während der Fahrt ihre Beine und als ich mich mit meiner Hand nach oben bewege, knöpft sie behutsam ihre schwarze Hose auf und führt meine Hand an die Stelle, wo es am wärmsten ist. Ich streichele sie lange und ausgiebig, bis sie sich wohlig zurücklehnt. Der Fluss wird breiter und wir verlassen das enge Tal. Kurz bevor wir die Autobahn erreichen, höre ich einen verhaltenen Schrei. Sie ist zum Ziel gekommen.

Der Zug ist unpünktlich, wie immer. Das erleichtert den Abschied nicht. Wir stehen eng beisammen. Sie hat ihre Blume in der einen Hand und streicht mir mit der anderen über das Gesicht. Die Geschichte endet in einem langen Kuss. Ich schaue ihr noch eine Zeitlang nach, als der Zug abfährt. Wir haben uns nie wiedergesehen.

ms

Anja B. gewidmet, die Rilke und Rimbaud besser kennt als ich und „Before Sunrise“ gesehen hat.